Eine Geschichte von Urlaub mal anders, von unterwegs sein und ankommen

Wie gerne wäre ich jetzt in Südfrankreich, um mir an bestem Fels die Finger langzuziehen. Ein ganz normaler Frühjahrs-Kletterurlaub. Aber was ist dieser Tage schon normal. Die Grenzen in Europa sind dicht, es herrschen Kontaktbeschränkungen, die gewohnte Mobilität und Freiheit ist eingeschränkt. Ein krisensicherer Urlaubsplan muss her.

Der alltägliche Ausblick in Garmisch-Partenkirchen auf Waxensteine und Zugspitze ist in jedem Licht anders schön. Aber wann war ich zuletzt am Meer? An der deutschen Küste, ganz oben im Norden? Warum nicht einmal von den Bergen bis ans Meer reisen, und warum nicht mit dem Rad? Nach spontaner Idee und eiliger Vorbereitung und mit Sack und Pack beladenen Rennrädern starten wir unsere Reise an einem frühen Morgen in Garmisch. Eine Woche haben wir Zeit, uns als Kletterer und Bergsteiger an die Radlhosen und den unbequemen Sattel zu gewöhnen. Ein wehmütiger Abschied von den Alpen, und große Vorfreude auf das, was vor uns liegt.

Drei Tage durchqueren wir Bayern, vorbei am Ammersee, an Spargelfeldern in Schrobenhausen, durch die Fränkische Schweiz, über Nürnberg bis nach Coburg. Entlang der fränkischen Klettergebiete zu radeln, ohne nur die geringste Ausrüstung dabeizuhaben, ist eine fremde Perspektive. Wir biwakieren mit Matte und Schlafsack zwischen Wiesen und Feldern, unter freiem Sternenhimmel, denn die Übernachtungsmöglichkeiten sind in Corona-Zeiten noch eingeschränkt. Auch gastronomisch sind wir auf Nudelsuppe aus dem Campingkocher und Essen zum Mitnehmen beschränkt. Mal italienisch, griechisch, türkisch. Deutschland ist so vielfältig und bunt.

Ein Regentag zwischen Coburg und Thüringen ist unsere Durststrecke. Mit viel Wasser vom Himmel kommen wir nur mühsam voran. Wir halten durch und werden am nächsten Tag mit einer anstrengenden Bergetappe auf einsamen Straßen im verschneiten Thüringer Wald belohnt. Bis auf 1000 Meter kurbeln wir hoch mit den bepackten Rädern. Dieses Land ist auch jenseits der Berge alles andere als flach.

Tag 4. Wir fahren über die ehemalige innerdeutsche Grenze. In manch kleinem Ort könnte man meinen, die Zeit sei stehengeblieben. Über Kopfsteinpflaster und zerlöcherte Straßen geht es weiter gen Norden. Es steht die nächste Bergetappe an, über den Harz. Ein Nationalpark im Herzen des Landes, wo die Folgen von Borkenkäfern, Sturm, Trockenheit und Monokultur nicht zu übersehen sind. Die Beine sind am fünften Radltag in Folge schon etwas müde, aber wir sind gespannt, was hinter dem Harz liegt. Noch etwas hügelig führt uns die Strecke durch Niedersachsen.

Eine gebrochene Kugel in meinem Radlager zwingt uns zu einem Pausen- und Reparaturtag. Aber dann ist es endlich flach. Es rollt. Immer schneller. Über Celle bis nach Bremen. Kurzer Stopp bei den Bremer Stadtmusikanten und am Abend noch nach Oldenburg. Ich kann das salzige Meer schon riechen und höre die Möwen am Himmel kreischen. Es sind noch sechzig Kilometer, die uns von der Küste trennen.

Tag 7. Ich bin aufgeregt und wehmütig. Wir sind dem Ziel so nah, doch ich möchte eigentlich gar nicht, dass dieses spannende Abenteuer schon zu Ende geht. Vorbei an Wilhelmshaven radeln wir in den kleinen Ort Hooksiel. Ein Hafen, ein Deich und dahinter der Strand. Strandkörbe, Sand, Wind und Möwen. Am Horizont glitzert die Nordsee. Mich überkommt eine unglaubliche Freude, ein starkes Gefühl von Freiheit. Ich lebe nur den Moment und genieße das Erlebte. Wir haben es geschafft!

Der Weg war unser Ziel. Eine sportliche Herausforderung ist es geworden. Es brauchte Geduld, Ausdauer und Durchhaltevermögen, auch wenn die Akkus schon leer und die Beine müde waren. Festhalten am Ziel, und dabei die schönen Erlebnisse unterwegs genießen war das Rezept. Die vielen Eindrücke verarbeiten wir noch. Wir sind „Momentensammler“.

Ich habe Deutschland aus einem anderen Blickwinkel gesehen. Aus alledem wächst eine besondere Wertschätzung für die Menschen, die Natur und die vielfältigsten Landschaften. Und: Es braucht nicht viel, um an einem Tag richtig glücklich zu sein. Vielleicht liegt das „Glück der Erde, auf dem Rücken der… Drahtesel“. Diese intensive Art zu Reisen kann ich sehr weiterempfehlen. Aber jetzt freue ich mich doch auf einen Sommer am Berg und Fels!

Text Von Maria Plarski.
Maria Pilarski ist Teil des Rab Athletenteams. Sie ist angehende Bergführerin und Ärztin und lebt in Garmisch-Partenkirchen.
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