Text von
Sarah Kampf

Mit einem Mal steht unser Leben Kopf. Je mehr sich die Ereignisse um die globale Corona-Ausbreitung beschleunigen, desto mehr verlangsam und reduziert sich unser individuelles Leben. Unser Bewegungsradius, die Zerstreuungsangebote sowie die persönlichen Begegnungen werden minimiert. Auch mein Klettern, mein Alltag und mein Familienleben werden dadurch maßgeblich bestimmt.

Ich habe mir vorgenommen, mir beim Umgang mit der Krise ein Beispiel an meinen Kindern zu nehmen. Mit ihren 3 und 5 Jahren erfassen auch sie bereits die Tragweite der aktuellen Umbrüche. Kein Kindergarten mehrkein organisiertes Spielangebot, keine Treffen mit Freunden. Wie pragmatisch und lösungsorientiert sie trotz allem eingestellt sindfasziniert mich. Was nicht zu ändern ist, nehmen sie hin, was aber gestaltet werden kann, gestalten sie mit einer inspirierend optimistischen Grundhaltung. Sie sind kreativ, entdecken zuhause neue Entfaltungsmöglichkeiten und wachsen als Brüder noch stärker zusammen. 

Was aber bedeutet das für mich – als freiheitsliebende Sportkletterin, die es seit vielen Jahren gewohnt istmehrmals Mal pro Woche am Fels zu klettern? Als Arbeitnehmerin? Für uns als Familie 

Um es vorweg zu nehmenDie Reorganisation unserer Alltagsabläufe klappt (zumindest bislang noch – heute ist erst Tag 3 der offiziellen Ausgangsbeschränkung in Bayernerstaunlich gut. Dabei ist mir bewusst, dass ich mich in einer relativ komfortablen Lage befinde.  

Ich habe das Glück, meinen Job problemlos von zuhause erledigen zu können. Die Flexibilität meines Arbeitsgebers Equip Deutschland GmbH ist viel wert und ganz sicher keine Selbstverständlichkeit. Für unseren Familienalltag ist das eine große Unterstützung.  

Außerdem kommt uns als Familie entgegen, dass wir unseren Bewegungs– und Frischluftdrang derzeit noch gut ausleben dürfen. Joggen beispielsweise ist ausdrücklich erlaubt, für mich eine wesentliche Voraussetzung dafür, mich entspannen und erden zu könnenAls Familie tut uns das gemeinsame Draußensein sehr gut, es ist unsere Kraftquelle und beruhigt bei drohendem Lagerkoller auch erhitzte Kindergemüter. 

Und das Klettern? Das vermisse ich schon jetzt sehr, keine Frage. Und zugegeben, auch ich konnte in den vergangenen Tagen eine innere Stimme mit der verführerischen Frage vernehmen, ob sich die behördlichen Quarantäne-Vorgaben nicht doch gemäß meinem Interesse interpretieren ließenvielleicht wenn man alleine irgendwo tief im Wald bouldert? Aber angesichts der dramatischen Entwicklungen in vielen europäischen Ländern, die auch bei uns im Falle von mangelnder Konsequenz zu befürchten stehen, habe ich mich dagegen entschieden 

Daher nun also „richtiges“ Indoor-Training. Ich habe mich bislang nie sonderlich viel damit beschäftigt, ich bin Felskletterin aus tiefstem Herzen, brauche das Draußensein mindestens ebenso sehr wie den sportlichen Aspekt. Meine Motivation ziehe ich aus Projekten am Fels, bei denen ich nicht streng nach einem sportwissenschaftlichen Plan vorgehe, sondern vor allem nach GefühlDas gleiche Gefühl kann mein simples Set-up bestehend aus Klimmzugstange, Fingerboard, Ringen und Yogamatte natürlich erstmal nicht hervorrufen, aber ich will ja unvoreingenommen an die Sache herangehen.  

Das neue Training ist nun Teil der Familienroutine, die Kids sind hier natürlich ebenso dabei wie bei allen anderen Aktivitäten. Eine Stoppuhr-genaue Einteilung der Wiederholungen und Sets funktioniert daher nicht. Mal muss zwischen den Klimmzügen ein Lego-Fahrzeug repariert, mal zwischen verschiedenen Meinungen vermittelt oder eine Verletzung verarztet werden. Doch das alles gemeinsam zu erleben und gestalten zu können ist unbezahlbar. 

So platt wie nach den ersten Workouts war ich nach einem Tag am Fels seltenUnd die schnell aufgedeckten Schwächen haben inzwischen auch die nötige Motivation ausgelöst, die zur Überbrückung der felslosen Zeit ausreichen sollte. Die Fitness wird also vermutlich nicht leiden. Den vielen Beiträgen nach zu urteilen, die derzeit in den sozialen Netzwerken die Runde machen, steht uns Kletterern nach der Quarantäne ohnehin eine Top-Saison bevor.  

Der rege virtuelle Austausch ist aus meiner Sicht ein positiver Aspekt der aktuellen Situation: An Anregungen und Tipps für entsprechende Übungen mangelt es nichtdas Netz ist voll mit guten Trainingsprogrammen vieler Gleichgesinnter. Hier zeigt sich, dass die digitale Welt tatsächlich als Gemeinschaft funktionieren kann, dass das geteilte Gefühl, in der gleichen Situation zu stecken, Solidarität, Hilfsbereitschaft und positiven Zuspruch hervorbringen kann. 

Doch die Pandemie deckt auch die Kehrseiten der starken digitalen Vernetzung auf. Schneller und rauer denn je werden neben den vielen guten Posts auch Kritik und Verleumdung in den Raum gestellt, die sich mit einer erschreckenden Eigendynamik verbreiten. Diskussionen, ob/wie das Klettern in Zeiten von Quarantäne-Geboten noch erlaubt ist, sind selbstverständlich in Ordnung und auch unabdingbar, um als Community einen Konsens herzustellen. Wenn diese dann allerdings in unfaire Beiträge oder gar Beleidigungen ausarten, ist eine Grenze des Miteinanders überschritten. Ein Post alleine mag noch keine Realität schaffen, aber er erzeugt eine unterschwellige Stimmung der Feindseligkeit, die gerade jetzt angesichts der großen gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen kontraproduktiv ist.  

Ich hoffe sehr, dass zumindest wir als Klettercommunity es schaffen, das gemeinsam durchzustehendass wir uns gegenseitig Raum für Austausch lassenkurz in uns gehen, bevor wir uns kritisch äußern, dass wir fair, rational und verantwortlich miteinander umgehen. Empathie, Solidarität und Hilfsbereitschaft werden die Maßstäbe sein, an denen wir uns als Klettercommunity im Kleinen und als Gesellschaft im Großen irgendwann im Rückblick auf die Krise messen lassen sollten 

Sarah Kampf ist PR & Communications Manager Central Europe bei Equip und seit Jahren leidenschaftliche Kletterin. Zusammen mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen lebt sie im Frankenjura.