Ich bin im vierten Schwung, habe gerade erst die steilste Ausbuchtung des Hanges hinter mir gelassen und sehe sofort, wie ein Riss von meinem Skispitzen quer über den ganzen Hang schießt. Kein Problem,, denke ich. Ich bin ziemlich sicher, dass die Lawine eher flach ist, und es ist unwahrscheinlich, dass sie den ganzen Hang mitreißt. Fünf Minuten zuvor hatte ich mit meinem Arbeitskollegen ein Schneeloch gegraben und die einzige schwache Schicht, die wir fanden, war etwas Reif in etwa 10 cm Tiefe.

Das muss eine dünne Windverwehung sein, dachte ich, während ich in Gedanken schon dabei war, die Info zusammenzustellen, die ich der Avalanche Canada-Vorhersage für ihr öffentliches Lawinenbulletin weitergeben würde. Es gibt hier kein schwieriges Lawinenproblem, aber mit mehr Schnee und Wind wird es das sicher werden. Während unseres Aufstiegs gab es schon einige Risse. Wir hörten das Grollen von Lawinen, die irgendwo in der Nähe von den Steilwänden herunterbrachen, aber wir konnten wegen des Blizzards nichts sehen.

Über die Jahre löste ich mit meinen Ski über einen Meter tiefe Lawinen aus, und warf Bomben aus Helikoptern, die dann enorme und zerstörerische Rutsche verursachten. Es war nur schade, dass der Berg nicht wusste, dass ich ein Lawinenexperte bin, und dass er sich wenig um meine Theorien über die aktuelle Gefahrenlage der Schneedecke scherte …

Ich werde mich in gerader Linie zu einem sicheren Standort an der Seite bewegen, nur falls ich da doch etwas Größeres ausgelöst habe, war mein nächster Gedanke. Ich hatte nicht einmal mehr Zeit für einen weiteren Gedanken, denn eine überraschend starke Welle sich bewegenden Schnees traf mich von hinten, packte meinen rechten Ski und warf mich kopfüber in den Schnee. Ich zog den Airbag, und sah noch ein kleines Wäldchen alter Fichten mit enormer Geschwindigkeit unter mir hindurchrauschen. „Zu schnell!“ Das wird richtig weh tun, dachte ich. Dann war mein Kopf unter dem Schnee und ich bereitete mich auf den Aufprall vor.

In dreizehn Jahren im Lawinengeschäft, als Skipatrouille, als Skilehrer und inzwischen Lawinentechniker bei Avalanche Canada hatte mich nie eine Lawine erwischt. Meine Glückssträhne musste wohl irgendwann ein Ende finden.

Derzeit ist es mein Job, Informationen für das öffentliche Lawinenbulletin für zwei große Regionen, die South Rockies und die Flathead und Lizard Range, zusammenzutragen. Zusammen sind diese Regionen eine etwa 11 000 Quadratkilometer große lawinengefährdete Bergwildnis, was sie zu einem wunderschönen, wilden und oft auch gefährlichen Spielplatz für Skifahrer, Schneemobilfahrer und andere Erholungssuchende im Winter macht, die jedes Jahr hierher kommen. Zum Vergleich: die Schweiz ist etwas über 25 500 Quadratkilometer groß.

Avalanche Canada ist einen Non-Profit NGO, welche sich zum Ziel gemacht hat, die Zahl der Lawinentoten in Kanada zu verringern. Dank den Sponsoren wie Rab haben wir ein gut ausgerüstetes und enthusiastisches Team und können einen Lawinenwarndienst auf Weltniveau bieten. Ich liebe jeden Aspekt meines Jobs, natürlich die Einsamkeit, den Powder, die epische Szenerie und das Gefühl, dass ich wirklich etwas Wichtiges beitragen kann.

Ich fühlte, wie ich im sich immer noch bewegenden Schnee langsamer werde. Nichts passierte, kein abrupter Einschlag. Ich stand auf. Die Lawine zog mich kopfüber einige hundert Meter den Hang hinunter, wo ich an einer großen Fichte zum Halten kam. Irgendwie hatte ich mich zwischen all den Bäumen hindurchgeschlängelt und der Schuttkegel der Lawine kam ohne mich etwa 50 Meter weiter zum Stillstand.

Mir ging es gut, die Lawine war klein, die Bruchlinie nur etwa 10-15 cm tief, und der Hang bestand aus Schnee sehr niedriger Dichte. Dennoch hatte sie genug potentielle Kraft aufgebaut, meinen Genick wie einen Zweig zu brechen, wäre ich auf dem Weg nach unten irgendwo angestoßen. An diesem Tag unterschätzte ich die Kraft und die Folgen auch solch kleiner Lawinen. Zum Glück fand ich nach einigen Minuten meine verlorenen Ski und die Stöcke im Schuttkegel und fuhr davon – mit einer weiteren Lektion im Gepäck.

„Lerne aus den Fehlern anderer. Du lebst nicht lange genug, um alle Fehler selbst zu machen.“ -Eleanor Roosevelt

Ich hatte Glück, aber viele andere in meinem Umfeld Umgebung nicht. 2008 kamen acht einheimische Schneemobilfahrer in einem einzigen, schrecklichem Lawinenunfall ums Leben. Das hat die Community im Elk Valley, wo auch ich lebe, für immer verändert.

Der einzige Lichtblick war, dass daraufhin unser Team, welches das einzige seiner Art in Kanada ist, gegründet wurde. Das Ziel ist es, in einer Region, in der eine große Zahl von Nutzergruppen ihre Freizeit verbringt und von der nur sehr wenige Daten vorliegen, Informationen zu gewinnen. Wir nehmen auch Zielgruppen wie Schneemobilfahrer, die relativ neu (historisch und kulturell) darin sind, sich durch lawinengefährdete Gebiete zu bewegen ins Visier. Ohne ein Team vor Ort war es beinahe unmöglich, in großen Teilen des Gebiets die Lawinengefahr vorherzusagen. Bevor unser Team gebildet wurde, gab es nur einige entfernt gelegene Wetterstationen, eine Handvoll Skihänge und Anbieter von Cat Skiing, die über Schneedicke, Wetter und Lawinenabgänge berichteten.

Als Team ist es unser Job, auf Schneemobilen und Ski hinauszufahren und Informationen über verschiedene Zonen für die Vorhersage bei Avalanche Canada einzuholen, das etwa 500km entfernt in Revelstoke, British Columbia, stationiert ist. Durch unsere Informationen und in Kombination mit revolutionären Werkzeugen wie dem Mountain Information Network, das es jedem erlaubt, Updates zu Bedingungen und Lawinen einzugeben, konnten die täglichen Lawinenbulletins drastisch verbessert werden.

Bulletins sind wichtige Werkzeuge, aber für sich alleine genommen schützen sie nicht. Lawinengebiete zu erkennen und die Warnsignale zu deuten sind die wichtigsten Schritte, um Lawinen zu vermeiden. 90 % der Lawinenunfälle werden vom Opfer selbst oder von jemandem in seiner Gruppe ausgelöst.

Die Lawinensonde, Schaufel und Lawinensuchgerät sind für den Fall, dass etwas schief geht, essentiell. Meiner Meinung nach sind sie mit Stahlkappenstiefel und Helm auf einer Baustelle zu vergleichen. Wenn sie zum Einsatz kommen, ist meist schon etwas passiert, und es könnte schon zu spät sein. In Nordamerika sind viele Lawinentote darauf zurückzuführen, dass sie gegen Bäume geschleudert werden oder von Klippen abstürzen, und nicht darauf, dass sie begraben werden und ersticken. Ich selbst war ganz knapp davor, selbst Teil dieser Statistik zu werden. Wichtig ist, dass es einen nicht selbst erwischt.

Es bleibt immer ein Restrisiko, wenn man sich in Lawinengebieten bewegt. Im Verlauf des Tages bewerte und kalkuliere ich das Risiko ständig neu, und versuche so gut wie möglich darauf vorbereitet zu sein, falls etwas schief geht. Lawinen gehen selten ohne Vorwarnung ab. Oft gibt es offensichtliche Anzeichen, die eine Instabilität anzeigen – so wie an dem Tag, als es mich traf.

Diese Anzeichen zu lesen ermöglichen es, weiterzumachen, mehr Zeit in den Bergen zu verbringen und sie zu genießen. Avalanche Canada empfiehlt eine einfache Formel: nimm an einem Kurs teil, lies das Lawinenbulletin und reise mit erfahrenen Mentoren. Ich selbst lerne in den Bergen täglich dazu und gebe weiter, was ich erfahre.

Vom Feldteam von Avalanche Canada genutzte Ausrüstung

Für weitere Tipps zu Lawinen kann man dem Avalanche Canada South Rockies-Team folgen:

Instagram: @avcansouthrockies Facebook: Avalanche Canada South Rockies

Martina Halik has called the Southern Canadian Rockies her playground and office for over a decade. Her days as an avalanche tech have her digging too many snow profiles and trying to keep her ski tips and snowmobile right side up as much as possible.