Text von
Sarah Kampf

Einen Saisonrückblick verfassen? Das klang zunächst recht einfach. Was könnte leichter sein als über das zu schreiben, was man selbst während eines Kletterjahres erlebt hat? Auf den zweiten Blick stellte sich dies jedoch als anspruchsvoller heraus als gedacht.

Was genau ist die Essenz einer Saison, woran werde ich mich später erinnern? An Zahlen und Fakten? An Reisen? An spezielle Touren? An die Menschen, mit denen ich Zeit am Fels verbracht habe? Vermutlich ist es eine Mischung aus alldem. Für dieses Jahr könnte es aber vor allem eine Lektion in Sachen Ehrgeiz, Erwartungen und Druck sein, die ich wieder einmal verinnerlichen musste.

Ein Familientrip nach Sizilien war ein absolut gelungener Start in das Kletterjahr 2019. Sonne, Meer, guter Fels, kinderfreundliches Gelände und eine tolle Landschaft trugen ihren Teil zu einem schönen Dolce-Vita-Urlaub bei. Ich konnte sehr viele Klettermeter machen und konzentrierte mich dabei hauptsächlich darauf, die Touren zu onsighten oder zu flashen bzw. zumindest innerhalb eines Tages durchzusteigen. Das Klettern als Familie ist ein besonderes Geschenk und ich möchte es niemals missen, aber es kann durchaus auch den ein oder anderen anstrengenden Moment mit sich bringen. Wenn man mehr als doppelt so viel Material an den Fels trägt als ohne Kinder, wenn man Acht gibt, dass es den Kids gut geht und es nicht gefährlich für sich ist und man auf ihre Bedürfnisse eingeht, dann sind das natürlich Selbstverständlichkeiten, die aber einiges an Energie beanspruchen, die man wiederum in anderen Bereichen lieber einspart. Für mich bedeutet das, bei Kletterurlauben den Projektdruck zu minimieren und einfach in den (Kletter-)Tag hineinzuleben.

Zurück im Frankenjura widmete ich mich angesichts der winterlichen Bedingungen zunächst dem Bouldern. Ich suchte mir ein paar schöne Projekte und konnte die kalte Zeit mit einigen Begehungen zwischen 7C+ und 8A abschließen. Das Bouldern ist ein ganz besonderes Spiel, das Außenstehenden möglicherweise noch absurder erscheint als das Klettern ohnehin schon sein mag. Ich teile jedoch durchaus Faszination dafür, Schritt für Schritt Lösungen und Mikro-Beta auszutüfteln, die Position von Fingern oder Füßen im Millimeter-Bereich anzupassen und manchmal nicht einmal vom Boden abzuheben. Und außerdem merke ich nach jeder Bouldersaison, dass ich auch beim Seilklettern enorm profitiere, sowohl physisch als auch psychologisch für die Herangehensweise beim Projektieren.

Tief im Herzen werde ich jedoch vermutlich immer Sportkletterin sein, sodass ich schnell wieder mit Gurt und Seil unterwegs war, sobald es die Temperaturen einigermaßen zuließen. Bereits Ende Februar zog mich eine besondere Linie in ihren Bann, an der ich mehr oder weniger durch Zufall vorbeigekommen war, als wir an einem Felsen gleich ums Eck kletterten. Ich checkte die Züge von „Headcrash“ (8c) nur kurz aus und war sofort begeistert. In den folgenden Wochen kam ich immer wieder zurück und projektierte die Tour alleine mit einem Fixseil. Es war etwas Besonders, den Platz in völliger Ruhe und mit 100% Konzentration ganz für mich zu haben. Diese Stunden wechselten sich mit Tagen ab, an denen wir zusammen Freunden oder der ganzen Familie hingingen. Dann lag der Fokus eher auf dem Zustieg und darauf, die Kinder beim Entdecken der Traktoren, Pferde, Insekten und Blumen am Wegrand zu beobachten oder sie beim Kraxeln an den kleineren Blöcken zu spotten. Interessanterweise konnte ich die Tour dann auch an einem solchen Familientag durchsteigen. Die Jungs rannten lautstark durch den Wald und hatten ihren Spaß beim Spielen, und auch wir waren happy. Ein perfekter Tag – und ein gutes Beispiel für das Zusammenspiel von Prioritäten, Erwartungen und Druck

Nur wenig später überraschte ich mich selbst mit dem Durchstieg von „Intercooler“ (ebenfalls im Frankenjura), einer weiteren 8c mit einem komplett anderen Charakter als Headcrash. Ich hatte mir die Tour schon mal in der Zeit vor den Kindern angeschaut, damals aber keine erfolgversprechende Lösung gefunden und sie als „nicht für mich gemacht“ abgeschrieben. Meine Erwartungen waren daher dieses Jahr eher niedrig, gleichzeitig war ich neugierig und offen. Ich ließ mich voll auf den Prozess des Entschlüsselns ein und konnte die Tour dann recht schnell in einem der eher seltenen Flow-Momente durchsteigen.

Kleiner Zeitsprung in den Herbst, als es in Sachen Einstellung, Ehrgeiz und Strategie spannend wurde. Im Laufe des Sommers hatten einige weitere Begehungen bis 8b+ sowohl in der Fränkischen als auch in anderen Gebieten mein Selbstbewusstsein gepusht. Auch in meinen beiden Langzeitprojekten konnte ich Fortschritte machen, selbst wenn der Durchstieg vermutlich noch weit entfernt ist. Klar kann sich ein gutes Selbstbewusstsein und ein gesunder Optimismus positiv auf die Kletterleistung auswirken, schließlich können unsere Gedanken die Realität in die entsprechende Richtung lenken. Als daher die Einzelzüge bzw. Sequenzen in einer weiteren 8c schon bald gut klappten, war ich sofort wieder motiviert. Dann machte ich jedoch einen Fehler – anstatt mich auf die kleinen Fortschritte zu konzentrieren, wurde ich recht schnell recht ungeduldig und mit jedem Versuch, der nicht am Umlenker endete, stieg mein Frust. Zwei Mal war ich recht knapp gescheitert, danach erreichte ich meinen Highpoint kein einziges Mal mehr. Ich war weder schwächer geworden noch konnte ich die Bedingungen oder andere externe Faktoren verantwortlich machen. Ich hatte lediglich den Fehler begangen, Dinge für selbstverständlich hinzunehmen, zu viel zu erwarten und Zahlen zu wichtig werden zu lassen.

Ich denke, dass es für viele Menschen etwas ganz Natürliches ist, Ziele zu verfolgen und persönliche Grenzen verschieben zu wollen. Das Klettern und das Klettern an der Leistungsgrenze ist zwar nichts, was die Welt zu einem Besseren verändert und macht daher aus einer holistischen Perspektive nicht wirklich Sinn. Aber es kann individuell und persönlich sehr viel Sinn stiften und ich denke, dass das etwas Wertvolles ist. Als Mutter wäre ich sehr dankbar, wenn meine Kinder eines Tages ihre eigene Passion entdeckten, die sie ein Stück weit durch ihr Leben leitet und ihnen Orientierung bietet. Mir ist jedoch bewusst, dass man dabei sehr leicht in die Falle einer Mehr-ist-besser-Mentalität tappen kann – mehr Routen, mehr schwere Begehungen, mehr Klettertage etc. Dies wiederum wirft einen Schatten auf all die Erfüllung, Gelassenheit und Energie, die das Klettern für mich bedeuten.

Nach der Geburt meiner beiden Kinder hatte ich zum ersten Mal überhaupt keinerlei Erwartungen an mein Klettern. Jede Route, jeden Tag am Fels verbuchte ich als Bonus und ich war dankbar dafür, dass mein Körper noch immer in der Lage war, meiner Leidenschaft nachzugehen. Mit dieser Einstellung konnte ich das Klettern unglaublich genießen – und einige meiner schwersten Touren klettern. Ab einem gewissen Punkt in dieser Saison fing diese tief verankerte Dankbarkeit jedoch an zu bröckeln und ich erwartete zunehmend mehr. Das hatte unmittelbare und kontraproduktive Auswirkungen auf mein Klettern.

So einfach und simpel dieser Mechanismus erscheinen mag, macht es doch einen großen Unterschied, über den Einfluss von zu viel Ehrgeiz und zu hohen Erwartungen Bescheid zu wissen und dies tatsächlich auch in der Praxis zu steuern. Der Grat zwischen einem spielerischen und „ehrgeizlosen“ Ehrgeiz und schlichter Verbissenheit ist manchmal recht schmal und es könnte durchaus sein, dass ich ihn auch in Zukunft wieder mal überschreite; eine Zen-Meisterin werde ich vermutlich nie. Ich bin aber durchaus optimistisch, dass die Lernkurve in die richtige Richtung zeigt und jeder Versuch mich der Kunst des „ehrgeizlosen Ehrgeizes“ ein klein wenig näherbringt.

Sarah Kampf ist PR & Communications Manager Central Europe bei Equip und Teil des Rab Athletenteams. Sie wohnt mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen im Frankenjura.