Words By
Sylvain Thiabaud

Es ist Sonntagmorgen, der 18. Juni, und wir trinken mit Leon Kaffee in der Sonne. Er ist Hüttenwart der Pombie, einer Hütte gegenüber des Ossau Peak. Ich bin hier mit meinem Freund Matthias und wir sind immer noch beschwingt, weil wir am Tag zuvor ein langfristiges Projekt abschließen konnten. Dank unseres Erfolgs schmeckt der Kaffee heute Morgen noch besser.

Unsere Reise begann mit einer Geschichte über den berühmten Bergführer Serge Casteran aus den Pyrenäen, der die 3 berühmtesten Routen am Ossau an nur einem einzigen Tag solo kletterte! Das war in den 80er Jahren! Das war, nein, das ist eine unglaubliche Leistung. Als ich davon hörte, dachte ich sofort: ‚Wow … Das will ich auch machen! (Aber mit einem Freund und einem Seil, klar.)‘

1 200 m Trad-Klettern, 28 Seillängen, und 20 Stunden später war eines meiner ‚To-Do-Listen‘ Projekte erledigt.

Unsere Mission startete an einem Freitag in Toulouse. 3 Stunden Fahrt brachte uns ins Ossau-Tal, wo wir noch einen letzten Ausrüstungscheck machten, bevor wir die 1 Stunde zu Fuß zur Hütte zurücklegen. Wir planen, die 3 bekanntesten Routen am Ossau zu klettern, also müssen wir schnell und leicht unterwegs sein, und etwas Wasser und Essen an die Startpunkte der zweiten und dritten Route bringen. Das wird uns etwas Zeit einsparen und unsere Chance erhöhen, die Herausforderung erfolgreich zu meistern.

Wir nahmen den Peyreget Pass zur ‚rockflamme‘ arête, und gemeinsam weiter zum Pass zwischen dem kleinem und dem großen Gipfel des Ossau. Das ist der Punkt, an dem unsere erste Route (Embaradère pillar, ED 6c 350 m) endet, und wir wollten den Abstieg von hier zum Start der zweiten Route prüfen, bevor wir uns morgen dem Linkup verschreiben. Es lief besser als gedacht. Wir bauten 2 Anker und seilten ab, um Wasser und Essen am Start der zweiten Route zu hinterlegen. Alles war für den nächsten Tag vorbereitet, wir gingen zurück zur Hütte, um ein (kleines) Bier zu trinken und etwas zu schlafen.

Wir wachten um 4 Uhr früh auf und starteten unseren Versuch um 4:30 Uhr. Anderthalb Stunden später waren wir am Start der ersten Route: Embaradère Pillar. Wir beschlossen, die ersten 4 Seillängen an einem Stück vorzusteigen, und dann für die nächsten 3 abzuwechseln. Matthias startet und klettert schnell. Die Temperatur ist perfekt und für eine Nordwand eigentlich nicht kalt. Ich bin diese Route von einigen Jahren geklettert und damals war es mir so kalt wie noch nie! (Das Klettern kommt mir dieses Mal viel einfacher vor!)

Wir erreichen die Spitze der Säule, starten den Abstieg und sind froh, das am Tag zuvor geübt zu haben. Wir sind tatsächlich etwas spät dran in unserem ‚theoretischen‘ Zeitplan, als wir zum Essen anhalten. Bestürzt stellen wir fest, dass schon vier weitere Kletterer auf unserer nächsten Route sind … und die sind noch ziemlich weit unten. Pech, aber heute wird uns nichts aufhalten. Wir rennen die steile Schutthalde hinunter zum Einstieg der Route. Die Sonne sticht mittlerweile und es ist wirklich heiß. Wir nehmen die erste, einfache Seillänge solo und Matthias rennt die zweite praktisch hoch. Wir sind nun dicht hinter der anderen Gruppe. Matthias zieht die wilde 7a Riss-Seillänge durch und ich treffe ihn am Standplatz.

Direkt hinter den anderen Kletterern steige ich ein. Wir versuchen, in gebrochenem Spanisch unser Projekt zu erklären und schließlich lassen sie uns überholen. Ich klettere so schnell ich kann und wir kommen noch vor dem Ende an der zweiten Seilschaft vorbei! Die Angst, hinter den anderen Seilschaften festzustecken, hat uns beschleunigt, und wir enden mit einer Stunde Vorsprung am großen Gipfel.

Wir steigen über die Normalroute ab, eine lange und langweilige Route, die uns zur Basis der Südwand bringt. Eine Stunde später klettern wir weiter. Das wird der finale 450 m Sprint ins Ziel … wenn wir es schaffen! Zum Glück liegt die Wand jetzt im Schatten und unsere Füße schrumpfen in den engen Kletterschuhen wieder auf die Normalgröße. Ich steige bis zum Gipfel vor. Die Schlüsselseillänge schaffe ich zwar, aber es ist echt hart … Vielleicht bin ich auch einfach nur erschöpft. Ein paar Seillängen später fühlt es sich so an, als ob wir uns verstiegen hätten, aber nach einigem Suchen kommen wir schließlich wieder auf die Route.

Riss um Riss läuft durch unsere müden Hände. Keine Bohrhaken, nur ein paar Schlaghaken und ein Meer aus Stein zwischen uns und dem Gipfel. Es ist hart! Die Topo zeigt viele 6a/b in diesem Abschnitt an, aber es fühlt sich weitaus schwerer an! In der Abenddämmerung klettern wir die letzten 4 Seillängen mit Stirnlampen weiter. Weit vor Matthias, alleine in der stillen Finsternis, im Lichtkreis meiner Stirnlampe, erlebte ich einen perfekten Moment. Es sind Momente wie diese, für die ich wirklich lebe.

Schließlich erreichen wir die Spitze der Route. Keine Kletterschuhe mehr (wohl die größte Erleichterung)! Wir haben es geschafft!

Aber der Tag ist noch nicht zu Ende und wir müssen noch über die Platten-Route zur Hütte zurück. Wir gehen gegen 24:30 dort ein, 20 Stunden klettern und gehen in den Bergen liegen hinter uns und mein Projekt ist geschafft. Nachdem ich so lange davon geträumt hatte, fühlt es sich besonders gut an.

Leon, der Hüttenwirt, hat sich als wahrer Freund erwiesen. Zwei Bier und ein Stück Kuchen erwarten uns auf dem Tisch in der Hütte.

Zeit sich zu erholen, Zeit für ein Bier und von neuen Projekten zu träumen …

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