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Erstbesteigung der Südwand des Brammah II (6 486 m)

Anfang 2016 schwelgte ich anhand einiger Fotos in Erinnerungen, die ich mit meinem Kumpel und Kletterpartner Chris Gibisch auf unserer letzten Expedition gemacht hatte. Unsere Erlebnisse in West-China waren schon viel zu lange her, und die Erinnerung daran endete damit, dass ich das Telefon in die Hand nahm und Chris anrief: „Kumpel … Ich glaube, wir müssen mal wieder los.“

Chris war leicht zu überzeugen, er ist der Typ des „zu allem bereiten Alpinisten“. Das Problem war nur … Wohin? Wir mochten schon immer Ziele, die unsere Freude an Erkundungen und Abenteuerlust befriedigen würden. Oft hört man, dass diese Art von Abenteuern in Nordindienleicht zu finden sind, und nachdem wir einige atemberaubende Fotos von Freunden, die ein Jahr vorher dort zum Klettern waren, gesehen hatten, schien uns diese Region einen näheren Blick wert.

Nordindiens Kishtwar Nationalpark ist seit den frühen 1980ern für Ausländer die meiste Zeit gesperrt. Auf Google Earth zeigten sich in dem Gebiet einige pyramidenförmige Gipfel, was völlig ausreichte, um unser Interesse zu wecken. Die eher schlechten Bilder von Google gaben einen Hinweis auf steile Fels- und Eiswände, die überall im Kashmir und Himachal Pradesh Himalays verstreut anzutreffen sind. Weitere Nachforschungen ergaben nicht nur, dass viele dieser Gipfel noch unbestiegen sind … einige der schönsten Wände wurde sogar noch nie fotografiert! Das war genau das, was wir machen wollten.

Die lange, dreitägige Anfahrt begann nach den typischen Prä-Expeditionsformalitäten beim IMF, tief drinnen im Chaos von Delhi. Einmal auf der Straße und hinter dem Bergdorf Manali, ging es für uns durch den gewaltigen Himachal Pradesh, weiter ins buddhistische Dorf Udaipur und am nächsten Tag auf einer der wildesten Straßen, die wir beide je erlebt haben, weiter nach Galabgarh. 500 Meter tiefe Abgründe, die direkt in dem Fluss unter uns endeten, ließen uns lauthals aufzulachen, sobald die Räder unseres Jeeps nur noch 15 Zentimeter vom „schnellsten Weg nach unten“ weg waren. Da ich passionierter BASE-Jumper bin, dachte ich, dass große Teile der Straße großartige „Exits“ wären.

Unsere Expedition begann wirklich, als wir eine riesige Menge Ausrüstung, 12 Träger und uns selbst, nebst dem von der Regierung gestellten Verbindungsoffizier, über eine Seilkonstruktion über den Fluss Chenab hinüber brachten. Wir wanderten weitere drei Tage schwerbeladen durch die Hitze, und ich fragte mich, ob wir wirklich in den Himalaya hinaufstiegen.

Das Kijai Nala ist bekannt für schwierige Wege, aber wir vertrauten den Einheimischen und die Ziegenpfade waren herrlich. Die einzigen Bedenken kamen auf, als wir von einem Hirten erfuhren, dass ein Leopard nur hundert Meter oberhalb unseres Camps eine seiner wertvollen Kühe gerissen hatte. Die meisten der hier lebenden Tiere hier waren weniger gefährlich. Wir machten gelegentlich Bekanntschaft mit Schlangen, Affen und sogar fliegenden Eichhörnchen, als wir die steile Nala weiter aufstiegen, in Richtung der Berge, zu denen wir von der anderen Seite der Welt gereist waren … Und sie immer noch nicht sahen.

Am dritten Tag überquerten wir eine Brücke, die in dermaßen schlechten Zustand war, dass unsere Träger dies gerade noch mit ihrer Bezahlung in Einklang bringen konnten. Am Ende legten wir unsere Ausrüstung an einem Platz nicht weit entfernt von der Brücke ab, der dann unser Basecamp werden sollte. Auch wenn die Stelle kilometerweit entfernt und tausende von Metern unterhalb unseres eigentlichen Ziels lag, war es dort fantastisch! Mit breitem Grinsen und viel Zuspruch von unserer nepalesischen Crew blieben wir mit zwei indischen Freunden zurück, die als Unterstützung für die Expedition mit uns im Camp bleiben würden. Es war jetzt einfach Zeit, mit der Arbeit anzufangen.

Die nächsten zwei Wochen lang entdeckten wir die Geheimnisse des Zustiegs. Das Wetter war etwas zu perfekt, die Temperaturen lagen um die 30°C, und die Berge sprachen laut und oft zu uns. Spontane Felsstürze, kollabierende Seraks und die Abwesenheit von Eis in der unteren Hälfte des Arjuna halfen dabei, unseren Fokus auf akzeptablere Ziele zu richten. „Schnell und leicht“ ausgerüstet für gemischte Routen auf Fels und Eis (wir hatten einfach weder Ausrüstung noch Zeit für große Feldwände), schien die noch unbestiegene Südwand des Brammah II am besten zu passen. Los ging es oberhalb von 5 000 Metern, wo die 1 300 Meter hohe Südwand alle Elemente bot, auf die wir gehofft hatten. Wir mussten nur noch zum Wandfuß gelangen, was nicht so einfach war, wie wir uns das vorgestellt hatten.

Wir brauchten zwei Tage und mussten vor einem überhängenden Serakband – das, wie wir auch, die warmen Nachmittage damit verbrachte, zu schwitzen und zu kollabieren – um unser Leben rennen.

Schließlich erreichten wir den Hängegletscher auf einer Höhe von 5 100 Metern und erhaschten den ersten Blick auf die Südwand. Wir waren ziemlich aufgeregt, da wir einige viel versprechende Optionen entdeckten, die nicht nur logisch, sondern auch kurzweilig und abenteuerlich aussahen. Gegen Nachmittag verstärkte sich die Hitze und damit auch die Wolken, und der Berg begann wieder zu leben. Eine der attraktivsten Linien wurde regelmäßig von Fels- und Eislawinen durchpflügt, was unsere Auswahl noch einmal schmälerte und uns überzeugte, früh zu starten.

Am ersten Morgen kletterten wir zusammen 300 Meter im Dunkeln, während der Himmel durchgehend von Blitzen eines weit entfernten Unwetters durchzogen wurde, was die Atmosphäre an unserer Position noch weiter intensivierte. Am späten Nachmittag führten uns dünne Bänder blauen Eises, mit Fels durchsetzt (willkommene Atempausen vom endlosen 70 Grad steilen, alpinen Wadenbrenner-Eis) auf einen Biwakplatz am Grat, für den ich sogar bezahlt hätte. Wir hatten die beste Aussicht überhaupt und konnten uns von dem langen Tag in der Hitze erholen, eine Hitze, wie ich sie so hoch oben noch nie erlebt hatte. Wir waren exakt auf 6 000 Metern Höhe angekommen und lagen genau im Zeitplan.

Der nächste Tag begann mit einem epischen Sonnenaufgang, während wir eine „Guten-Morgen“-Traverse durch abwechslungsreiches gemischtes Gelände absolvierten, der uns zurück an die Eiswand führte. Ein 150 Meter breites Band aus orangefarbenem und goldenem Granit schien die Gipfelhänge abzuschirmen, aber eine genauere Suche brachte die Rampe, die wir benötigten, zum Vorschein. Ein Kamin- und Riss-System schuf eine Schwachstelle entlang des Bands und wir schrien und jubelten vor Freude darüber. Chris zog seine Handschuhe aus, um die letzte, schwierige Schlüsselstelle mit bloßen Händen zu klettern, schaute nach unten und lachte angesichts unserer Position hier oben laut auf.

Der Tag war schon fortgeschritten, als wir weiter aufstiegen und die Gipfelhänge in Richtung Südosten durchquerten. Ich merkte schon, wie ausgelaugt ich mittlerweile war und war froh, dass ich in einem Felsband einen guten Standplatz einrichten konnte, der schon in der Nähe des Gipfels lag. Ich konnte den Gipfel wegen dem überhängenden Felsband zwar nicht sehen, aber ich „wusste“, dass er da war.

Nach weniger als 60 Metern stoppte das Seil und als ich zu Chris aufschloss, setzen wir uns grinsend hin, umgeben von der dramatischsten Aussicht, die wir je gesehen hatten. Wir konnten nicht mehr höher gehen. In jeder Richtung wurden spitze, raue und schroffe Gipfel von den letzten Sonnenstrahlen erleuchtet und kaum ein Windhauch störte uns dabei, diesen Anblick aufzusaugen.

Nachdem wir uns mehr als 300 Meter abgeseilt hatten, erreichten wir kurz vor Mitternacht das obere Ende einer steilen, breiten Eiswand, und man kann sagen, dass wir ziemlich erschöpft waren. Während wir Plätze für die Nacht in dieses uralte, harte Eis schlugen, erhellten Blitze den Himmel. Ich konnte nicht anders und musste zu Chris hinübersehen, meinem Freund und Bruder seit über 15 Jahren. In welch einer Umgebung wir waren.

Wir waren an einem der einsamsten Flecken der Erde auf 6 000 Metern Höhe, um Mitternacht, wir waren beide total kaputt – aber wir waren zwei Freunde in einem unglaublichen Abenteuer. Ich erinnerte mich in dem Moment, dass tiefgreifende Erfahrungen und enge Freundschaften, die wir eingehen, die wahren Gipfel sind.

Auf der Tour genutzte Ausrüstung