Northaway
Northaway
Wir treffen uns im Zug in Hannover, wo unsere gemeinsame Reise beginnt. Mit der ein oder anderen kleinen Verspätung kommen wir nach guten 48 Stunden Zugfahrt in Oslo an. Wir schaffen es noch rechtzeitig zu unserem Nachtbus nach Erdal – dem Ausgangspunkt unserer Skidurchquerung, der quasi auf Meeresniveau liegt.
Es ist noch recht dunkel und früh. Nach einem kleinen Frühstück starten wir, die Ski und Skistiefel auf den viel zu schweren und großen Rucksack geschnallt, in Richtung Erdalsbreen. Wir laufen in das breite Tal hinein, ohne Ski, mit und dann doch wieder ohne, bis wir zu einer kleinen Biwakschachtel direkt unter der Gletscherzunge des Erdalsbreen kommen.
In der Zwischenzeit ist ein Sturm aufgezogen und wir werden von den Böen hin- und hergeworfen. Wir besprechen uns kurz im Schutz der kleinen Hütte und entscheiden uns über Nacht zu bleiben. Bei dem Unwetter ist es keine Option, einen Fuß auf den Gletscher zu setzen. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nicht, dass wir hier länger festsitzen werden. Die nächsten zwei Tage geht es so weiter: Zwischen Regen, Schneesturm, White-outs und Nassschneelawinen, die um unseren sicheren Hafen herum hinunter rauschen sitzen wir zweifelnd, ungeduldig und dann immer wieder doch hoffnungsvoll hier fest. Nicht nur einmal haben wir den Rucksack optimistisch gepackt um loszugehen. Blöd nur, dass genau dann der Wind wieder aufheult und die Hütte zum Bersten bringt.
Der Wetterbericht sagt es wird besser und wir klammern uns daran. Wir wollen endlich auf den Gletscher kommen, sind neugierig, was uns da oben erwartet.
Endlich. Nach zwei Tagen und drei Nächten Festsitzen in der Infimus Hütte können wir starten. Wir stehen extra früh auf, es ist windstill. Ein Traum. Wir betreten den Erdalsbreen; bis zum Jostedalsbreen sind es drei Gletscherbrüche, die wir überwinden müssen. Über die erste Spaltenzone kommen wir problemlos bis zu einer Anhöhe. Tja, hier wars das dann erstmal und das nächste Withe-Out umhüllt uns. Man kann kaum noch die Hand vor Augen sehen, und die nächste Spalte vor uns erst recht nicht. Die Abfahrt über den Gletscherbruch können wir uns erstmal abschminken. Wieder warten; aber dieses Geduldsspiel kennen wir ja jetzt schon. Irgendwann erblicken wir ein kleines Lichtloch und ergreifen die Gelegenheit, über den nächsten beeindruckenden Bruch schaffen wir es auch hoch bis auf den Jostedalsbreen – wir sind da! Auf der größten Eismasse des europäischen Festlands, bis zu 500 m dick ist das Eis unter unseren Füßen. Wir sind dankbar für dieses Privileg, noch einen so riesigen Gletscher sehen zu dürfen, denn in ein paar Jahren wird das so nah bei uns schon nicht mehr möglich sein.
Große Freude und Erleichterung machen sich breit. Wir wollen den ersten Gipfel der Tour erklimmen; den Brenibba. Dieser wird uns fast zum Verhängnis. Am Gipfel angekommen Fellen wir ab, wobei mein Ski unglücklicherweise schnurstracks ins White-Out auf den Gletscherbruch zufährt. Ohne mich, ich stehe mit dem anderen oben – mit einem Ski mitten auf dem größten Innlandsgletscher Europas und das am ersten Tag unserer Durchquerung. Hier könnte unsere Reise ein unspektakuläres, schnelles Ende finden.
Ich bleibe optimistisch bis naiv und beschließe, dass wir den Ski suchen müssen. Die Spur, der wir folgen – ich auf einem Ski – ist schon stark vom Wind verweht und nur noch zu erahnen. Unter dem großen, steilen Hang, den wir hinunterfahren, geht es direkt zur letzten Spaltenzone, die wir überquert haben. Und tatsächlich; die unwahrscheinlichste aller Möglichkeiten tritt ein. Auf einem kleinen Felsriegel mitten in dem riesigen Hang liegt der unbeschädigte Ski und lacht uns an. Die Freude ist riesig. Nach so viel Pech mit dem Wetter haben wir ganz schön viel Glück gehabt.
Wir fahren bis auf das riesige Gletscherplateau ab, wo wir unseren ersten Schlafplatz fürs Zelt ausgraben.
Nach einem langen Tag verbringen wir auch eine lange, erholsame Nacht und starten am nächsten Morgen hinaus in das große, weite und ziemlich flache Weiß. Der Himmel ist blau und es ist windstill – ein Tag, an dem eigentlich alles gut geht, wir nehmen zwei ziemlich schöne Gipfel mit, Kjenndalskruna mit einem felsigen Grat und Kvittekoll auf dessen Südseite, den wir in einer Alt Couloir zwischen Felsen abfahren. Diese Gletscherlandschaft ist wirklich schwer in Worte zu fassen. Manchmal fühlt es sich an, als wären wir in einer riesigen Wüste, nach dem Weiß kommt nur blauer Himmel. Ohne GPS wäre ein sich Orientieren fast unmöglich, geradeaus gehen auch. Wenn wir zurückschauen, ziehen sich zwei rhythmisch gewellte, einsame Schlangenlinien über den die Schneefläche. Die Gedanken haben hier oben so viel Raum, sich einfach frei zu entfalten. Wir haben gute Gespräche und schweigen uns manchmal an, genießen die Stille, die in unserer schnellen Welt ansonsten so rar gesät ist.
Die nächste Nacht wird besonders – um 1 Uhr morgens weckt Hanna mich; ich solle unbedingt rauskommen – Polarlichter. Das Mysterium des Nordens, ich bin völlig überwältigt von den tanzenden, umherspringenden Lichtern am Himmel. In Socken stehen wir in der Hartschale der Schistiefel auf dem dicken Eis und betrachten dieses Wunder der Natur. Irgendwann wird es kalt, wir reißen uns doch los und kriechen zurück in unsere Schlafsäcke.
Am nächsten Tag verlassen wir den Jostedalsbreen schon wieder über den Flatbreen, ein letzter Gletscherbruch erwartet uns. Wir starten früh, weil das Wetter für den Tag danach schon wieder schlecht angesagt ist und wir nicht hier oben festsitzen und unseren Bus verpassen wollen. Irgendwie haben wir ein bisschen Abschiedsschmerz, wir wären gerne noch länger hier oben geblieben. Die letzte Spaltenzone überwinden wir problemlos, ein Stück mit Seil und viel ohne. Wir verlassen den Gletscher und fahren durch einen engen Tobel bis wir auf einmal einen weiten Blick nach unten bis auf den Fjaerlandsfjord haben. Eine letzte Nacht begradigen wir einen Platz für unser Zelt, um am Morgen unsere Ski ein Tal durch die Winter-versumpfte Landschaft hinunterzutragen. Unten treffen wir das erste Mal wieder auf Zivilisation, angekommen in einem kleinen Bauerndorf laufen wir zwischen den Holzhäusern hindurch. Hier wirkt alles immer noch ein bisschen grau und verlassen, bis wir kurz bevor wir an der Bushaltestelle ankommen, doch auf ein älteres Ehepaar treffen und uns kurz unterhalten.
An der Bushaltestelle angekommen fällt erstmal einige Anspannung von uns ab. Alles hat mehr oder eher weniger wie geplant geklappt. Erschöpft steigen wir in den Bus und fahren nach Oslo. Dort angekommen geht’s am nächsten Morgen nach einer sehr kurzen Nacht mit dem Zug zurück bis nach Innsbruck. Wir hangeln uns von einer Verspätung zum nächsten Schienenersatzverkehr und dürfen den ein oder anderen Sprint hinlegen.
Erschöpft, aber glücklich, so ein eindrückliches Abenteuer gemeinsam erlebt zu haben, kommen wir nach einer langen Reise nach Hause. Von den Erlebnissen können wir noch einige Zeit zehren und reflektieren, was wir alles gelernt und gesehen haben. Wir merken wieder, was es für ein Privileg ist, in die Berge gehen zu können. Sie zeigen uns immer aufs Neue, wie klein wir sind, dass wir bescheiden sein und uns an die Bedingungen, die sie uns stellen, anpassen müssen.
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