Words And Images By
Sylvain Thiabaud

Technisches Klettern – die wohl beste Möglichkeit, den Alltag hinter sich zu lassen und sich nur auf den Moment zu konzentrieren. Vor allem dann, wenn man das Ganze im solo betreibt! Genau dies ist mein Plan für die nächsten beiden Tage: Meine alltäglichen Sorgen und Nöte vergessen auf der ‘Seurs Tièdes’, einer A3 Route am Sinsat, 280 vertikale Meter in ziemlich schwierigem, technischem Gelände.

Ich erreiche den Parkplatz am Sinsat um 18:00Uhr und überprüfe kurz meine Ausrüstung für die nächsten beiden Tage. Der gefüllte 145-l-Haulbag wird mein ständiger Begleiter sein, und als ich die 60 kg auf meine Schultern hebe, denke ich kurz darüber nach, warum ich mir das eigentlich antue.

Ich brauche zwei Stunden, um am Felsfuß anzukommen; etwas länger als der normale 50-minütige Spaziergang. Den letzten Teil stapfe ich im Licht der Stirnlampe durch die Büsche am Fuße der Wand, was das Ganze noch schwerer macht.

Endlich finde ich den Einstieg zur Route und beschließe, mir gleich einen Vorsprung für morgen zu verschaffen. Die erste Seillänge ist 50 m lang und ich platziere zwei Camalots für meinen ersten Standplatz, bevor ich losklettere. Es ist eine Mischung aus technischem Klettern und Rissklettern (A1/5+) und nach etwa 30 Metern finde ich einen guten Standplatz.

Ich muss meine komplette Ausrüstung immer noch nachziehen, also beschließe ich, hier aufzuhören. Beim technischen Solo-Klettern macht man alles in eigener Verantwortung, und jetzt in der Dunkelheit will ich nicht mehr riskieren. Ich seile mich ab, räume die Route auf auf dem Weg hinunter und ziehe meine Taschen hinauf zum Standplatz. Die harte Arbeit liegt hinter mir, ich bereite mein Portaledge vor und gönne mir zur Belohnung ein Bier. Wer alleine eine technische Route klettert, darf wohl auch alleine trinken …

Am nächsten Morgen 05:45 Uhr bin ich bereit. Es wird ein langer Tag und ich will früh los. Die zweite Seillänge ist A2, alles läuft gut, mit nur einer kleinen Schlüsselstelle kurz vor dem nächsten Standplatz.

Seillänge 3 und die Sache wird langsam interessant. A2+ an Schlaghaken und Plumbs geklettert und jede Menge Haken geklippt. Jetzt bin ich wirklich drin! Über mir erspähe ich einen großen Riss, der unsicher klingt und aus den kalte Luft herausweht. Davon halte ich mich lieber fern. Hier oben und ganz allein bin ich risikoscheuer als normal.

Seillänge 4 und ich habe keine Wahl. Ich muss durch den losen Riss klettern. Ich probiere, nur Camalots und Aliens zu nutzen, denn der Riss klingt für Schlaghaken viel zu schwach. Nachdem der Riss endlich zu Ende ist, muss ich auch noch über eine fette, lockere Schuppe klettern, die sich sogar noch schlimmer anhört! Dahinter scheint sogar Licht durch, aber jetzt, wo ich einmal hier bin, gibt es keine andere Option. Vielleicht kommt der Name der Route, ‘Cold Sweats’ (kalter Schweiß) von dieser Crux! Ich bewege mich vorsichtig, lebe von Sekunde zu Sekunde an meinem 8 mm Haken, und hoffe auf einen leichten Ausstieg aus diesem Abschnitt.

Zum Glück wurden meine Gebete erhört und ich erreiche den Standplatz. Das gleiche Spiel von vorne. Ich sichere das dynamische Seil, das ich mit hoch genommen habe, mache dasselbe mit dem statischen Seil, seile mich zum vorigen Standplatz ab, hänge die Taschen und das Portaledge an das Statikseil und klettere am dynamischen Seil wieder hoch, während ich auf dem Weg das Sicherungsmaterial einsammle. Das mache ich heute nun schon zum dritten Mal, und beschließe, dass es nun endlich Zeit für eine Mittagspause ist.

Es ist schon Nachmittag, aber ich habe noch genug Zeit, und die Schlüsselseillänge ist genau über mir: eine glatte, strukturlose Wand. Sehr beeindruckend. Ich beschließe, so weit wie möglich voranzukommen, das Seil zu fixieren und den Rest der Seillänge morgen früh zu beenden. Noch kurz die Stirnlampe am Helm befestigt und ich bin bereit, loszulegen!

Es ist wirklich hart, vielleicht sogar härter als ich dachte, und ich bewege mich nur langsam. Körperlich geht es mir gut, aber bei dieser Seillänge muss ich größere mentale Strapazen aushalten als bei allem, was ich davor geleistet habe. Die einzigen Placements bestehen aus Verbindungen von 3 oder 4 schlechten und sehr kleiner Razor Pegs. Eigentlich wollte ich die Seillänge nur zum Teil machen, aber die Sicherungen sind so dermaßen schlecht, dass ich mich nicht daran abseilen will. Jetzt muss ich es wohl durchziehen.

Drei Stunden später bin ich oben angekommen. Ich habe die Seillänge sauber hinter mich gebracht. Vielleicht war es gar keine so schlechte Idee, doch noch zu starten. So jedenfalls muss ich diese Seillänge nicht morgen zum Aufwärmen klettern. Ich seile mich ab, um zu schlafen. Ich bin von dem langen Tag ziemlich erschöpft.

Am nächsten Morgen säubere ich die Schlüsselseillänge und merke, wie schlecht die Sicherungen wirklich sind, denn einige von ihnen davon rutschen auch ohne Hammer heraus.

Die nächste Seillänge ist die steilste – und, auch noch in ziemlich schlechtem Fels in einem Riss. Nach der Schlüsselseillänge erscheint sie mir einfach, doch sie ist trotzdem sehr schwierig, und ich muss bis aufs Äußerste konzentriert bleiben. Ich brauche all meine Aufmerksamkeit und Erfahrung, um in dieser Seillänge gute Sicherungsmöglichkeiten zu finden. Am Ende lässt meine Konzentration nach und ich stürze, wohl weil ich auch in Eile war, um dem drohenden schlechten Wetter zu entgehen. Es sind nur noch zwei Seillängen zu klettern und dann ist es geschafft. Die größten Schwierigkeiten, die jetzt noch auf mich warten, sind die Dornenbüsche in den Rissen!

Ich steige gerade aus der Wand aus, als der Regen anfängt. Um mich vor dem Wetter in Sicherheit zu bringen, seile ich mich schnell über die Route ‘Spartacus’ ab – eine wilde 8a+ Sportkletterroute, die ein Freund von mir gebohrt hat. Der Haulbag ist immer noch schwer, aber immerhin hört es auf dem Weg zum Auto auf, zu regnen.

Ich fühle mich erschöpft und wund, und konnte nicht mal die komplette Route sauber klettern.   Warum ist das trotzdem eine so bereichernde Erfahrung? Das ist das Geheimnis des Kletterns.

Sylvain Thiabaud is a French climber whose endless passion for climbing keeps him busy all year round. From working hard sport climbs, to large ice falls and obscure multi-pitch aid routes, there is always something in condition. Sylvain also has an appetite for new routing of all kinds, with over a hundred new route to his name.