Words By
Emily Scott

Laut einem alten chinesischen Sprichwort beginnt selbst eine Reise von 1000 Meilen mit einem einzigen Schritt. Ein Sprichwort, das ich mir im Sommer mehrmals in Erinnerung rufen musste, während ich beinahe vier Monate für mein Projekt 282 unterwegs war. Das Ziel? Auf einer einzigen Tour alle Gipfel Schottlands, die „Munros“, alleine und aus eigener Kraft zu besteigen. Mehrmals hatte ich Angst, dass ich mich überschätzt hatte, doch genau dieser Gedanke, jeden einzelnen Abschnitt, einen Schritt nach dem anderen zu meistern, half mir, diese Herausforderung zu bestehen.

Zu den Munros zählen alle schottischen Berge mit einer Höhe von über 914,40 m (bzw. 3000 Fuß), die zum ersten Mal von Sir Hugh Munro im Jahr 1891 in der Munro-Tabelle aufgeführt wurden. Ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte des „Peak-Bagging“. Die aktuelle Liste wird vom Scottish Mountaineering Club geführt und enthält 282 Munros. Mein Ziel war es, alle Gipfel der Liste zu erklimmen und die Distanzen zwischen den Hügeln auf dem Fahrrad zu überqueren – alleine und aus eigener Kraft. Ich musste also Wanderwege finden, die mich zurück zu meinem Fahrrad führen würden, für die richtige Menge an Lebensmitteln planen und manchmal für eine Übernachtung zahlen, auch wenn es mir nur darum ging, zu duschen und meine Kleidung zu waschen.

Mit meiner Erfahrung im Ausdauersport, darunter Ironman-Triathlons und Abenteuerrennen, gefiel mir der Gedanke einer Multidisziplintour aus Bergsteigen, Wandern und Radfahren. Doch die Realität holte mich schnell ein: ich hatte vollkommen unterschätzt, wie schwer es sein würde, mit dem vollgepackten Fahrrad zu fahren.

In 120 Tagen legte ich 2.605 km mit einem Höhenanstieg von 36.311 m mit dem Fahrrad und weitere 2.249 km mit einem Höhenanstieg von 162.296 m zu Fuß zurück. Diese Strecke durchquerte praktisch ganz Schottland, vom nördlichsten Munro, Ben Hope, bis zum südlichsten Gipfel, Ben Lomond am Ufer des Sees Loch Lomond, nur eine Stunde nördlich von Glasgow. Mein Projekt 282 führte mich in einige der atemberaubendsten Gegenden Schottlands, die ich noch nie zuvor besucht hatte, und gab mir einen Vorgeschmack auf die vielen weiteren Abenteuer, die Schottland zu bieten hat.

Vor ein paar Jahren traf ich die große (und furchteinflößende) Entscheidung, meine Buchhalterkarriere aufzugeben, um mein Leben so zu gestalten, dass es mich glücklich macht – anstatt von einem Wochenende zum nächsten zu hetzen. Als ich meine Tabelle für das Projekt 282 fertiggestellt hatte, musste ich aber feststellen, dass die Buchhalterin in mir wohl doch noch nicht vollkommen in Ruhestand gegangen ist. Bevor ich meiner Karriere in London den Rücken zudrehte, dachte ich lange darüber nach, was mich glücklich macht. Die Antwort war jedes Mal: aktiv sein und die Natur.

Seitdem lebe ich ein beinahe nomadisches Leben: ich habe einige Winter in den Alpen und in Japan verbracht, um Skifahren zu unterrichten, während ich im Sommer in Schottland oder wieder den Alpen war. Saisonale Jobs und sparsame Winter hießen, dass ich mir häufig den gesamten Sommer freinehmen und auf Abenteuersuche gehen konnte.

Projekt 282 war für mich ein Aufbruch ins Unbekannte. Ich wusste nicht, worauf ich mich einließ. Noch nie zuvor bin ich länger als eine Woche am Stück so an meine Grenzen gegangen. Ich hatte bereits etwa 40 der Munros bestiegen – meist während Tagesausflügen, als ich 2015 in Edinburgh lebte. Letzten November, als ich mich entschied, dieses Monsterprojekt zu unternehmen, reiste ich in die Cairngorms, um einige hohe Gipfel zu besteigen und in Bothy-Schutzhütten zu übernachten. Ich hatte mit schwierigen Wetterverhältnissen zu kämpfen: mit Schnee, Eisregen und starkem Wind, doch es war eine unendlich wertvolle Erfahrung, um mich auf mein Projekt und die vielen Stunden in den Bergen nach Einbruch der Dunkelheit vorzubereiten.

Dass ich diese schwierigen Tage im November bereits hinter mich gebracht hatte, half mir im Sommer sehr. Wenn es mal zu anstrengend wurde, verglich ich es mit der Tour im Winter, und erinnerte mich daran, dass ich es auch diesmal schaffen würde, ich hatte schließlich schon schwerere Herausforderungen überwunden. Ob das wirklich stimmte – gerade zum Ende der Tour – kann ich nicht sagen. Aber es half mir, durchzuhalten!

Als Mitglied der British Adventure Collective war ein Ziel meiner Exkursion, die wunderschöne britische Landschaft zu präsentieren, und andere zu inspirieren, herzukommen, sie zu genießen, Spaß zu haben und ihr eigenes Abenteuer zu finden.

Während meines Projekts 282 sammelte ich Spenden für den British Rescue Trust, die gemeinnützige Stiftung der <a href=”http://www.britishadventurecollective.com/project282″ target=”_blank”>British Adventure Collective</a>, deren Ziel es ist, für Sicherheit in der Natur zu sorgen. Alle Spenden werden zwischen den folgenden Organisationen aufgeteilt: Mountain Rescue (Bergrettung), Air Ambulances (Luftrettung) und der Mountain Bothy Association (Wartung von Schutzhütten). Obwohl das Projekt vorbei ist, sammele ich weiterhin Spenden über den PayPal-Link <a href=”http://www.britishadventurecollective.com/project282″ target=”_blank”>auf der Website</a>. Wir haben bereits etwas über 3000 £ gesammelt und ich freue mich über jede weitere Spende.

Die Teams von Mountain Rescue leisten wirklich hervorragende Arbeit und haben bereits viele Leute aus gefährlichen Situationen in den Bergen gerettet. Auch für mich war es beruhigend, zu wissen, dass sie da sind. Gerade weil ich den Sommer über hauptsächlich allein unterwegs war: von den 282 Munros habe ich 221 alleine bestiegen. Ich hatte ein SPOT-Gen3-GPS-Gerät mit einem SOS-Knopf dabei, den ich Gott sei Dank nie drücken musste. Aber es einfach dabeizuhaben, schenkte mir (und meiner Familie) ein Gefühl der Sicherheit. Hätte ich Hilfe gebraucht, hätte ich Mountain Rescue mit nur einem Knopfdruck meine GPS-Daten zuschicken können.

Air Ambulances ist für die kritischsten Situationen zuständig, wenn jede Sekunde zählt, Sanitäter schnellstens vor Ort sein müssen und der rasche Transfer ins nächste Krankenhaus über Leben und Tod entscheiden kann. Durch den British Rescue Trust unterstützen wir die Hilfsorganisation Association of Air Ambulances Charity, die die Spenden unter allen 21 Luftrettungsstiftungen im Vereinigten Königreich aufteilt.

Es war mir wichtig, Mountain Rescue und Air Ambulances zu unterstützen, da ich unendlich dankbar bin, dass es sie gibt, – auch wenn ich hoffe, sie niemals selbst brauchen zu müssen. Die Arbeit der Mountain Bothy Association jedoch habe ich jedoch näher kennengelernt.

Jedes einzelne Bothy hat so viel Charakter und ich habe unterwegs wirklich tolle Leute getroffen. Diese einfachen Schutzhütten wurden zu einem viel wichtigeren Bestandteil meiner Tour, als ich ursprünglich gedacht hatte, und ich habe letztendlich versucht, so viele wie möglich zu besuchen – ohne dabei viele unnötige Kilometer fahren zu müssen.

Immer wenn ich begann, mit einer neuen Karte zu arbeiten, markierte ich zuerst die Munros, gefolgt von den Bothys, um zu sehen, ob ich sie irgendwie verbinden könnte. Ich übernachtete insgesamt 20 Mal in einem Bothy – acht Nächte davon alleine. Das Gefühl der Vorfreude bei der Anfahrt zum Bothy war jedes Mal eines der schönsten Erlebnisse: Ich fragte mich, ob wohl jemand anderes auch dort übernachten und wie einzigartig das Bothy ausgestattet sein würde. Meine liebste Unterkunft war wohl das Sourlies-Bothy am Ufer des Loch Nevis mit einer Hängematte.

An langen Tagen bei schlechtem Wetter sorgte eine geplante Übernachtung in einem Bothy gleich für viel bessere Stimmung, als zu wissen, dass ich später im Zelt schlafen müsste. Während meiner ersten Mehrtagesexpedition zu Fuß, einer langen, entlegenen Strecke um Loch Monar mit 14 Munros, suchte der Sturm Hector die schottischen Highlands heim. Am zweiten Abend der sechstägigen Tour hörte ich Regen und Wind mit knapp 130 km/h um das Bothy pfeifen, und war unendlich froh, trocken und warm in meinem Schlafsack zu liegen. Auch wenn die Rast natürlich zu kurz war. Am nächsten Morgen brach ich wieder auf, um den ersten Munro trotz Orkanböen zu erreichen. Es sollte nicht der letzte stürmische Tag werden.

Ich freundete mich mit zwei Schweden (beide hießen Johann) an, die am Tag zuvor im Bothy am Cape Wrath Trail waren. Ihre Tour führte sie in entgegengesetzte Richtung, so kamen sie gerade von meinem nächsten Ziel, dem Bothy Maol-Bhuidhe. Als sie den Fluss überquert hatten, der noch vor mir lag, war er ruhig und seicht; dank den Trittsteinen hatten sie kaum nasse Füße bekommen. Doch als ich an diesem Abend den Fluss erreichte, war es ein tosender Strom, der durch den langen Regen angeschwollen war. Lange suchte ich das Ufer nach einer sicheren Furt ab, doch musste am Ende mitten durch das oberschenkeltiefe Wasser waten. Ich ärgerte mich sehr, ohne Wanderstöcke unterwegs zu sein (später kaufte ich welche), und arbeitete mich sehr langsam und vorsichtig voran, mit meinen Füßen so nah am Boden wie nur möglich, um nicht von der Strömung erfasst zu werden. Voller Erleichterung erreichte ich das andere Ufer, doch dort wurde mir langsam klar, wie ungeschützt und allein ich hier draußen in der Wildnis war…

Obwohl ich einige Male mit wirklichen rauen Witterungsbedingungen zu kämpfen hatte, hatte ich insgesamt großes Glück während meines Projekts 282. Wer einen Blick auf die Wetteraufzeichnungen Schottlands der letzten 30 Jahre wirft, würde sich ganz klar diesen Sommer für eine Tour aussuchen, auch wenn der September ziemlich heftig war.

Am Anfang, als ich es am meisten brauchte, hatte ich drei Wochen fantastisches, beständiges Wetter. Ich war so weit weg von allen und allem, was ich kannte. Selbst mit guten Witterungsverhältnissen war es eine wahre Feuertaufe. Es war nicht leicht, sich an lange, aufeinanderfolgende Tage im Freien und das Radfahren mit der ganzen Ausrüstung zu gewöhnen, aber trotzdem konnte ich die atemberaubende Schönheit der schottischen Landschaft genießen, während ich versuchte, meinen Muskelkater zu ignorieren.

Trotz der beeindruckenden Natur ist meine bleibendste Erinnerung an die ersten drei Wochen der nicht enden wollende, unstillbare Hunger. Während mein Körper sich noch an die Anforderungen der Tour gewöhnte, dachte ich praktisch nonstop über Essen nach. Gott sei Dank lernte ich bald, dass Sticky Toffee Pudding (ein Biskuitkuchen mit Toffee-Sauce) ein wahrer Lebensretter ist: die schnellste und leckerste Lösung für eine gute Kalorienzufuhr nach einem langen Tag in den Highlands.

Der erste Tag, an dem ich keinen Munro bestieg, war Tag 11. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits 27 Gipfel hinter mich gebracht. Ich radelte vom berühmten An Teallach (nach dem sogar eine Brauerei benannt ist) nach Kinlochewe, und hatte geplant, von dort den Slioch zu besteigen. Die Strecke war 80 km lang, doch ich entschied mich nach 60 km anzuhalten, im Zelt zu übernachten und den Rest der Strecke am nächsten Tag zurückzulegen. Ich war ziemlich enttäuscht, keinen Munro bestiegen zu haben, und es war wirklich schwer, mich nicht zu sehr über mich selbst zu ärgern. Nach meiner ersten Nacht in einem Bett (dank den freundlichen Motorradfahrern, die ich am Abend zuvor getroffen hatte und die mir ein freies Bett in ihrem Gemeinschaftssaal angeboten hatten) hatte ich die Chance genutzt, zu duschen und meine Kleidung zu waschen. So hatte ich diesen Tag später als sonst begonnen. Als ich mich dann auf den Weg machte, war es ein so sonniger Tag, dass ich anhielt und im wunderschönen Guignard Bay badete.

Ich musste lernen, mich nicht darauf zu konzentrieren, welche Teile meines Plans ich nicht geschafft hatte, und stattdessen zu versuchen, nach vorne zu blicken, umzudenken und die Frage zu stellen: Wie sieht mein neuer Plan aus? Zu Anfang wusste ich nicht, wie ich mit den körperlichen Anforderungen und mentalen Strapazen der Einsamkeit klarkommen würde, oder wie lange meine Tour überhaupt dauern würde. Anfang Oktober war ich zu einer Hochzeit eingeladen, bis dahin wollte ich es also geschafft haben. Ansonsten hatte ich mir keinen Zeitrahmen gesetzt, wodurch ich ziemlich flexibel planen konnte. Am Ende waren es 20 Tage, an denen ich keinen Munro bestiegen hatte, doch einige dieser Tage waren Abstiege von den Gipfeln, lange Radelstrecken oder einfach zur Organisation (Wäsche waschen und mein Twitter auf dem neuesten Stand halten). In den 120 Tagen der Expedition machte ich nur an 3 Tagen frei.

Der menschliche Körper ist wirklich ein Wunder, und bereits innerhalb einiger Tage hatte ich die Ausdauer, um praktisch täglich Berge zu besteigen und mit dem Fahrrad direkt zum nächsten Berg zu fahren. Sogar mein Hunger ließ nach. Mich wieder an mein normales Leben nach den Munros zu gewöhnen, war sogar schwerer als die ersten Tage des Projekts 282. Im Sommer war das Leben um einiges einfacher: essen, schlafen, wandern, radeln. Und wieder von vorne.

Dies ist der erste Teil des Projekts 282. Emily Scott stellte sich der Herausforderung, alle 282 Munros in Schottland auf einer einzigen Tour alleine und aus eigener Kraft zu besteigen. Das Ende von Emilys Story findest du im zweiten Teil der Serie.