Words and Images By
Ben Tibbetts

Seit 6 Jahren widmet sich Ben Tibbetts der Besteigung aller 82 der über 4.000 m hohen Gipfel der Alpen. In seinem neuen Buch „Alpenglow“ (Alpenglühen) dokumentiert Ben seine Reise. Preisgekrönte Fotografie, handgezeichnete Illustrationen und detaillierte Erzählung werden zusammen zu einem unübertreffbaren Bergkompendium. In diesem Artikel gibt er uns einen ersten exklusiven Einblick in das letzte Kapitel des Buches. (Das Buch kann bis zum 28. November ‘Kickstarter’ HIER bei „Kickstarter“ vorbestellt werden.)

Die Rochefort- & Jorasses-Traverse

„Der Berg, den wir einst bestiegen haben, ruft uns danach zurück mit einem noch eindringlicheren Appell, dem Zauber einer Freundschaft, die in den heftigsten Momenten intensiven Lebens entstand“ – Geoffrey Winthrop Young, nach der ersten Traverse der Grandes Jorasses

Für frühe und moderne Alpinisten bergen die Grandes Jorasses einen geheimnisvollen Zauber, den nur wenige andere Berge besitzen. Obwohl sie viel einfacher als die berühmte Nordwand ist, fasziniert und inspiriert die Traverse der Grandes Jorasses fast alle Alpinisten. Das Biwak von Canzio am Col des Grandes Jorasses bietet willkommenen Schutz bei unbeständigem Wetter, und doch ist die Traverse immer noch ein langwieriges und anspruchsvolles Abenteuer, das man nur mit bester Vorbereitung und mit größtmöglichem Respekt angehen sollte.

Der Aufstieg – 29.–30. Juli 2018

Meine Verbindung mit der Jorasses-Traverse begann zwei Jahre zuvor. Mein Plan war es, die Gipfel nicht in der üblichen West-Ost-Richtung zu überqueren: Ich wollte zuerst zum Hirondelles-Kamm aufsteigen, dann weiter nach Westen zum Biwak von Canzio trekken und zuletzt den Helbronner erklimmen. Um 5:30 Uhr morgens dämmerte das erste Tageslicht im Osten, als wir uns auf den Weg zum Frébouze-Gletscher machten. Die Lichtstrahlen unserer Stirnlampen fegten über das schmutzige Eis auf der Suche nach einem sicheren Weg über die unübersichtlichen Gletscherspalten. Einige Stunden später lieferte die berüchtigte „Rey“-Spalte eine steile und brutale Seillänge, die entschlossenes Handeln erforderte. Während Valentine führte, rutschte ich auf der zweiten Position fast aus. Der Schwierigkeitsgrad dieser Stelle schien dem Rest der Strecke völlig zu widersprechen. Es war beinahe unvorstellbar, dieselbe Herausforderung mit einem Hanfseil um die Taille und nur drei Eisen zu bestehen, wie es Adolphe Rey 1927 getan hatte.

„Obwohl für uns das Ende endlich in Sicht war, erschien uns die Idee, die Traverse fortzusetzen, jetzt wie ein lächerlicher Witz.“

Mehrere Seillängen guten Kletterns führten uns zu einem unvorstellbar unangenehmen und unsicheren Abschnitt des Grat- und Wandkletterns. Vielleicht hätte ich die Geschichte dieses Abschnitts besserer recherchieren sollen, bevor ich die Route ausprobierte, denn später las ich, dass Young 1911 die gleiche Erfahrung gemacht hatte: „Die unberechenbar lockeren höheren Felsen und die seltsam fragmentierten Vorsprünge brachten unsere größte Vorsicht und eine erfrischende Ausdrucksfreiheit in uns hervor.“

Obwohl für uns das Ende endlich in Sicht war, erschien uns die Idee, die Traverse fortzusetzen, jetzt wie ein lächerlicher Witz. Nachdem wir uns den größten Teil der Route sorgfältig gesichert hatten, anstatt schnell simultan zu klettern, wie wir es uns ursprünglich vorgestellt hatten, erreichten wir den Gipfel, gerade als die Sonne unterging. Es war bereits 19:30 Uhr und auch der Abstieg der Südwand schien eine lange, heikle und traumatische Erfahrung in der Dunkelheit zu werden. Um 3:00 Uhr morgens stolperten wir schließlich auf den Balkon der Boccalatte-Hütte.

Nachdem wir die Ost-West-Traverse aufgegeben hatten, kamen wir Ende Juli 2018 zurück, um die Route in der üblichen Richtung erneut zu versuchen. Wir übernachteten in der Torino-Schutzhütte und gingen früh ins Bett, bevor wir um 3:00 Uhr morgens wieder aufbrachen. Nur die Geräusche unserer Steigeisen und des schleifenden Seils durchbrachen die Stille, als wir gedankenverloren über den Gletscher gingen. Der Wind erwartete uns erst jenseits des Dent du Géant, der vom Nordwesten her über den Grat pfiff. Trotz der Dunkelheit machten wir steten Fortschritt und schlichen entlang der ungeschützten messerscharfen Kanten des schönen Rochefort-Kamms. Wir stoppten mehrmals, um zu verschnaufen und um die Kamera für eine Aufnahme mit Langzeitbelichtung in der Dämmerung vor Sonnenaufgang auf einem Felsen zu positionieren. Die kalten Blau-Magenta-Töne stehen für mich nicht nur für die Schönheit dieses Lichts, sondern auch für die Spannung und Vorfreude auf den kommenden Tag. Mit zunehmendem Licht wuchs auch meine Ekstase, und bei Sonnenaufgang hatte ich bereits beinahe tausend Fotos gemacht. Im Biwak von Canzio verbrachten wir eine entspannte Stunde in der Morgensonne und warteten darauf, dass sich die Luft erwärmte und sie die schattigen Platten über uns einladender erscheinen ließ.

„Oberhalb des Col des Grandes Jorasses“, schreibt Young nach der Besteigung der gesamten Jorasses-Traverse im Jahr 1911, „ragt der erste namenlose Gipfel [heute nach Young selbst benannt] steil gegen den Himmel, mit einem tief gezackten Gipfelgrat… Die Klippen beginnen abrupt und unerbittlich… wenig tröstend auf den vereisten und winzigen Hohlräumen, die als Stützpunkte für die hängenden Platten skizziert sind… Hinter und vor uns krümmen sich die spitzen Türme aus Bronzegestein nach links oder rechts wie die unterschiedlichen Hälften einer Bischofsmütze…“

„Nach dem Pointe Croz haben wir das Seil abgenommen. Die nervöse Aufregung, diese Mischung aus Gefahr und Leidenschaft, verschwand schließlich zum ersten Mal an diesem Tag.“

Tom, Valentine und ich brachen um zehn Uhr auf und kletterten die selben steilen Seillängen am reinen grauen Granit des Pointe Young. Sie sind jetzt mit vereinzelten Felshaken und Bolzen verziert, doch ich war froh, dass der Felsen weitgehend eisfrei war. Die ersten drei Seillängen waren hervorragend. Der darüberliegende rasierklingenscharfe Grat zwang uns zu einer mühsamen und heiklen Traverse unterhalb des Kamms, bevor wir schließlich den Gipfel des Pointe Young erreichten. Nach und nach fanden wir unseren Rhythmus beim Aufstieg, und wir setzten unseren Weg über den Gipfel der Pointe Margherita fort. Nach vielen Stunden aufwendigen Kletterns kamen wir am Pointe Hélène vorbei und das Klettern wurde endlich einfacher. Der Grat war mit Bändern aus Schiefer und Granitsplittern durchzogen, und der Kamm verlor allmählich an Kontur.

Nach dem Pointe Croz haben wir das Seil abgenommen. Die nervöse Aufregung, diese Mischung aus Gefahr und Leidenschaft, verschwand schließlich zum ersten Mal an diesem Tag. Nach einer Pause bewegten wir uns gemächlich entlang des Trümmerchaos und blickten immer wieder die Nordwand hinunter. Die Höhenlage, die starke Nachmittagssonne und die Aufnahme von 4.000 Fotos hatten mich zutiefst erschöpft. Auf der letzten Steigung zum Pointe Whymper freuten wir uns, ein kleines Rinnsal mit Schmelzwasser gefunden zu haben, und füllten unsere Flaschen, bevor wir endlich den Gipfel erreichten. Hier gab es einen bequemen Platz zum Biwakieren für die Nacht.

Der Pointe Whymper war mein letzter Gipfel der 82 x 4.000 m Gipfel, die ich mir zum Ziel gesetzt hatte. Ich war so müde und wusste überhaupt nicht, wie ich reagieren sollte. Mir war die Bedeutung dieses Augenblicks kaum bewusst und ich hetzte weiter hin und her und machte Fotos, während die Sonne unterging.

Das geplante Biwak am Ende des Aufstiegs erwies sich als Geniestreich. Wir konnten uns nicht nur entspannen und unseren atemberaubenden Standort genießen – vielleicht einer der schönsten Plätze zum Biwakieren in den Alpen – sondern den langen Abstieg bis zum nächsten Tag aufschieben, wenn die Schneehänge und Gletscher griffig und kalt sein würden. Im letzten Licht schauten wir zu, wie zwei Freunde den Gletscher hinunterkletterten und bis zu den Knien in schlechtem Schnee versanken. Obwohl schnelles und leichtes Reisen ein unbeschwertes und berauschendes Vergnügen sein kann, gibt es selten Momente, in denen man zur Ruhe kommen und das Erlebte Revue passieren lassen kann. Hier zu sitzen und die untergehende Sonne von den Gipfeln der Jorasses aus zu beobachten, war ein weitaus großartigeres Erlebnis als das Vergnügen, hinunter in ein warmes Bett zu eilen.

Es war nie mein eigentliches Ziel, schlicht und einfach Berge auf einer beliebigen Liste abzuhaken. Die Reise und das Erlebnis waren das Ziel. Ebenso träumte ich von Anfang an davon, Bilder und Geschichten zu sammeln, mit denen ich andere inspirieren konnte. Dennoch scheinen diese Erlebnisse die Abenteuerlust in mir nur kurz zu befriedigen. Ich weiß, schon bald werde ich wieder eine neue Sehnsucht nach anderen Bergen verspüren. Im klaren Morgenlicht, als wir den Abstieg begannen, wich die Zufriedenheit bereits der Ernüchterung. Nachdem Young die lang ersehnte Traverse der Jorasses abgeschlossen hatte, schrieb er ähnliches: „Nie zuvor war ich mir des Bedauerns, das eine erfüllte Sehnsucht begleitet, mehr bewusst. Das kurze Vergnügen der Verwirklichung wurde teuer erkauft mit dem Ende der langen Hoffnung.“