Words and Photos By
Matt Maynard

Es ist 23:00 Uhr in der Zentralregion der argentinischen Anden. Im Schneidersitz auf 4.000 m Höhe versuche ich im Licht meiner Stirnlampe ein Modell eines Avro Lancastrian zusammenzubauen.

Ich habe lange nicht mehr an Modellflugzeugen herumgebastelt. Das letzte Mal im Jahr 1998 – genau dem Jahr, in dem die Bergsteiger Pablo Reguera und Fernando Garmendia ein Rolls-Royce-Flugzeugtriebwerk an der Süd-Ost-Wand des 6.570 m hohen Cerro Tupungato fanden. Wenn ich meinen Blick Richtung Norden richte, könnte ich vielleicht im Mondlicht einen Blick auf den von Wolken umgebenen Gipfel des Vulkans erhaschen. Doch dazu bin ich jetzt zu abgelenkt. Mit kalten Fingern schiebe ich einen klebrigen Pilotensitz in das winzige Cockpit.

Unsere Expedition zum entlegenen Absturzort in der Zentralregion der Anden läuft nicht sonderlich gut. Doch natürlich noch um einiges besser als der letzte verhängnisvolle Flug des Fliegers von British South American Airways im Jahr 1947. In den Nachkriegsjahren waren Inlandflüge eine heikle Angelegenheit. Doch die BSAA-Besatzung, bestehend aus ehemaligen Piloten des Bomber-Kommandos, kümmerte das nicht. Ihr Flug von Buenos Aires nach Santiago war für sie einfach eine spannende Runde russisches Roulette gegen 6.000 m hohe Berge – mit ihrem Flugzeug als Kugel. Doch am 2. August verschwand das Flugzeug mit dem beinahe prophetischen Namen „Star Dust“ irgendwo über den Anden. So endete die Glückssträhne der Besatzung.

Seit Jimmy Hyland, Joe Davies und ich in der Provinz Mendoza angekommen sind, scheint das Glück auch nicht auf unserer Seite zu sein. Im letzten Moment lehnte das argentinische Militär unseren bereits vor einer halben Ewigkeit gestellten Antrag ab, das Tupungato-Tal und den Absturzort zu besuchen.

Ursprünglich hatten wir geplant, von der Stadt Tupungato aus gen Westen zu fahren, zur Militärstation, die in der Malbec-Weinbauregion im Vorgebirge der Provinz Mendoza gelegen ist. Dort wollten wir unsere Maultiere mit Eispickeln und Proviant beladen, um die zweitägige Strecke über den 4.600-m-Pass in Angriff zu nehmen. Unser Lager wollten wir etwa eine Tageswanderung vom Absturzort entfernt aufschlagen. Dann würden wir unseren dreitägigen Anstieg zum Absturzort beginnen.

Wir hatten vor Antritt der Reise historische Satellitenbilder miteinander abgeglichen und waren uns relativ sicher, dass mittlerweile neue Flugzeugteile aus dem Eis auftauchen würden. So wollten wir das Ausmaß des Gletscherschwunds durch den Klimawandel analysieren. Danach, so unser Plan, wollten wir den Nordgrat des Tupungato besteigen, und nach und nach höherliegende Camps entlang der Grenze zwischen Chile und Argentinien aufschlagen. Auf dem Gipfel angekommen würden wir mit unserem Modellflugzeug Richtung Westen und Santiago blicken und den 11 verstorbenen Passagieren der Star Dust gedenken.

Doch wie bei jedem guten Abenteuer lief es nicht so wie geplant. Die Entscheidung von Colonel-Major Quinoñe war endgültig. Nach einer langen Nacht und zu vielen Fernet-Branca-Cocktails (wie Hustensaft, der süchtig macht) stand unser neuer, verrückterer Plan: wir wollten die Absturzstelle über das Tunuyán-Tal im Süden erreichen. Unsere neue Route führte uns über einen zusätzlichen Pass, wo die feuchte Luft der Pampa und die eisigen Winde aus dem Herzen der Anden gewaltsam aufeinandertreffen.  Wir wateten durch Flüsse, rutschten Geröllhänge hinab und sprangen am Ufer des Tunuyáns von einem eisigen Felsen zum nächsten, stets begleitet vom Getöse der Stromschnellen.

Am dritten Tag ging uns das Geld aus, um den Arriero, unseren Maultiertreiber, zu bezahlen. Manuel legte unsere Ausrüstung am Fuße des Tunuyán-Gletschers ab und versicherte uns, dass die Strecke von 20 km über Gletscher und Eisklippen zur Star Dust keineswegs passierbar sei. Und ohne die Lasttiere müssten wir die Ausrüstung selbst über einen 5.030 m hohen Pass und hinab ins Tupungato-Tal tragen. Eine Strecke von insgesamt 60 km. Auf Eis.

So folgten wir einem täuschend einfachen Guanako-Pfad, der schon bald zu einer so ungeschützten Kletterstrecke über eisigen Klippen führte, dass sich uns der Magen umdrehte. Da wussten wir, dass wir am Ende waren. Es war der Zeitpunkt, an dem wir zugeben mussten, dass wir geschlagen waren. In den nächsten drei Tagen versuchten wir es mit einer weiteren Canyon-Route zum Absturzort, entlang eines tosenden Gletscherflusses, der uns beinahe mit sich in die Tiefe riss. Der Schreck erinnerte uns daran, dass wir hierhergereist waren, um eine Geschichte zum Klimawandel zum Leben zu erwecken – nicht um unser eigenes zu verlieren.

 

In den 51 Jahren, die zwischen dem Absturz der Star Dust und der Entdeckung ihrer Trümmerteile liegen, pumpte die Menschheit eifrig Unmengen an Kohlendioxid in die Atmosphäre. Als Reguera und Garmendia das Triebwerk fanden, hatte sich die weltweite Konzentration der Treibhausgase bereits um mehr als 16 % erhöht. (2019 liegt sie bereits 51 % höher als zu vorindustriellen Zeiten, während sich unsere Erde im Schnitt um einen ganzen Grad Celsius erwärmt hat.) Beinahe alle Gletscher in den Anden schwinden. Die aktuellen Schwankungen drohen bereits, sich auf die Produktion des köstlichen Malbec-Weins auszuwirken. Mittelfristig ist bei komplettem Gletscherverlust die lokale Wasserversorgung in Gefahr.

Dem Modellflugzeug geht es auch nicht sonderlich gut. Vor fünf Tagen durchbohrte ich um 5:00 Uhr morgens während eines Anstiegs auf einen unbenannten Gipfel den Plastikbausatz mit einem Steigeisen. Der kaputte Karton liegt nun verloren zwischen Eispickeln, Campingkochern und Seilen. Der zarte Pinsel? Entzweigebrochen, seit ich meinen Rucksack unsanft von einer Klippe abseilte.

Das Wrack des Avro Lancastrian haben wir nie erreicht. Die Entscheidung des Militärs, den Zutritt zum Tupungato-Tal zu verwehren, legte dem ohnehin schon komplizierten Andenzugang ein weiteres Hindernis in den Weg. Zwei südliche Zugänge aus dem Tunuyán-Tal schlossen wir zugegebenermaßen von Anfang an aus, und verbrachten den Rest der Woche damit, eine West-Ost-Überquerung der Anden zu prüfen, die ins Tal Cajon del Maipo in Chile führt.

Morgen erreichen wir die Grenze. Unser Modellflugzeug ist nicht fertig. Und auch wir sind nicht an dem Gipfel, den wir uns ausgesucht hatten. Doch den Herausforderungen von Abenteuern und Klimawandel ist gemeinsam, dass man Umständen gegenübersteht, die sich laufend ändern. Nur wenn wir radikale, neue Ideen akzeptieren, haben wir die Chance, die Berge, die uns im Wege stehen, zu überwinden.

Matt Maynard ist Autor, Fotograf, Bergführer und zweisprachiger Abenteuerplaner in den Anden. Er lebt im chilenischen Vorgebirge über Santiago und ist Masterstudent für Carbon Management an der Universität von Edinburgh in Schottland.

Jimmy Hyland ist preisgekrönter Fotograf und Filmemacher. Er ist im Peak District in England ansässig. Seine Umweltabenteuer-Doku „Search for Star Dust“ kommt in Kürze heraus.